Raum für Gestaltung.
3 Mrz
Nachklapp zum Thema Simplicity: in jüngster Zeit treffe ich immer wieder auf Dieter Rams. Sein Regal hängt bei Freunden im Wohnzimmer. Seine Arbeit für Braun inspiriert seit einigen Jahren den Apple Produktdesigner Jonathan Ive - bis hin zu virtuellen Adaptionen der Vorbilder wie dem Taschenrechner ET66 aus den 70ern auf dem iPhone.
Dieter Rams, der Ulmer Schule nahestehend, betonte in Interviews immer wieder seinen Leitspruch “Weniger, aber besser.” Seine 10 Thesen für gutes Design sind in einem Interview mit dem Deutschland Radio von 2007 anläßlich der Verleihung des Lucky Strike Design Preises nachzulesen:
”1. Gutes Design ist innovativ.
2. Gutes Design macht ein Produkt verständlich.
3. Gutes Design ist ästhetisch.
4. Gutes Design macht ein Produkt brauchbar.
5. Gutes Design ist unaufdringlich.
6. Gutes Design ist ehrlich.
7. Gutes Design ist langlebig.
8. Gutes Design ist konsequent bis ins letzte Detail.
9. Gutes Design ist umweltfreundlich.
10. Gutes Design ist so wenig Design wie möglich.”
Gegenüberstellungen der Braunschen Originale mit den von ihnen inspirierten Apple Produkten finden sich zahlreich im Web. Ich habe einige hier noch einmal zusammengetragen:
Vielleicht das offensichtlichste Beispiel für Ives Anleihen bei Rams:
das Taschenradio T3 von 1958 und Apple iPOD (seit 2002, hier die 3. Generation).

Das Braun L60 Hifisystem und der Apple iPOD Hi-Fi.
Braun Lautsprecher LE1 und der iMAc.

Ob das tatsächlich die Referenz war? Das Braun Atelier TV und der aktuelle Apple iMac 24 Zoll.
Klassiker: Der Braun T1000 Weltempfänger von 1964 und der Apple PowerMac G5/Mac Pro.
Nicht von Rams, sondern von Erwin Braun ist der Ultrarot Hyperthermiestrahler. Daneben Apples iSight Kamera.
Dieter Rams und Jonathan Ive.
Das Design von Apple weiß Rams übrigens zu schätzen. Im Radiointerview sagt er:
“Ich habe damals immer gesagt, sie können es an ihren zehn Fingern abzählen, wer auf der ganzen Welt Design wirklich ernsthaft betreibt oder ernst nimmt - auch an Firmen. Und daran hat sich wenig geändert. Es gibt heute wieder Designer als auch Firmen - als erstes würde ich nennen wollen: apple.”
Links zum Thema:
Interview mit Dieter Rams: http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/fazit/696966/
Braun und Apple: http://gizmodo.com/343641/1960s-braun-products-hold-the-secrets-to-apples-future
50 Jahre Design Klassiker: http://www.braun.com/50yearsdesign.html
17 Feb
“Strebt nach Einfachheit, aber misstraut ihr” (Alfred North Whitehead)
Das Streben nach Einfachheit ist modern. In meiner täglichen Arbeit als Berater und Gestalter für Interaktive Medien begegnet mir immer wieder eine ‘Anforderung’ von Kunden: “Der Nutzer soll in drei Schritten zum gewünschten Inhalt kommen”. Die Regel mit den drei Schritten ist ein Gemeinplatz geworden wie die sieben Navigationspunkte oder Jakob Nielsens Ansage, dass ein Link blau und unterstrichen sein muss. Jeder dieser Gemeinplätze der Website-Usability ist deshalb so erfolgreich, weil er so einfach ist. Drei und sieben - das sind Zahlen, die man sich merken kann. Jede dieser Regel ist gut gemeint. Und oftmals falsch.
Denn in der Reduktion einer Erfahrung auf eine Regel oder einen Gemeinplatz steckt immer die Gefahr, das eigentliche Ziel aus den Augen zu verlieren. Die Regel wird zum Selbstzweck. Um beim Beispiel der Website-Usability zu bleiben: das eigentliche Ziel, dass der Kunde in seiner ‘Anforderung’ zum Ausdruck bringen möchte ist doch: der Nutzer soll den gesuchten Inhalt finden. Die Anforderung, die sich daraus ergibt, sollte lauten: es ist eine Navigation bereitzustellen, die dem Nutzer erlaubt, den gesuchten Inhalt einfach zu erreichen. Eine solche Navigation kann u.U. gänzlich auf eine klassische Menüstruktur verzichten. Suche, Filtermechanismen, eine geschickte personalisierte Messaging Struktur, Indizes etc… mögen in der jeweiligen Situation viel mehr dem Mindset des Nutzers entsprechen, als “drei Schritte zum Ergebnis”.
Das Beispiel soll zeigen: manchmal ist mehr weniger. Und das ist manchmal ganz schön unmodern. Denn modernes Design versteckt die Komplexität hinter glatten Oberflächen. Der iPOD kommt mit einem Interaktionselement aus, Hifi- und TV-Geräte verstecken ihre Bedienelemente hinter Klappen oder verzichtenl - wie auch das iPhone - gleich ganz auf haptische Bedienelemente und ersetzen diese durch virtuelle. Aber jeder, der einmal das Bild seines Monitors mit den Knöpfen Menu, < und > einzustellen versucht hat, wünscht sich sehnlichst die klassischen alten Drehpotis zurück.
Das eigentlich Einfache ist oft subtil. John Maeda hat die Subtilität von “simplicity” erkannt und formuliert als zehntes und letztes Gesetz in “The Laws of Simplicity”:
“Simplicity is about subtracting the obvious, and adding the meaningful. Ten laws (10: one, zero), remove none (0, zero), and you’re left with one (10: one)” [1]
Maeda, der Sohn japanischer Einwanderer in die USA, ist natürlich mit der japanischen Ästhetik des Wabi-Sabi vertraut, die von jeher die Einfachheit anstrebt, ohne dabei die Komplexität zu ignorieren. Statt um völlige Reduktion geht es um Respekt gegenüber dem Wesen der Dinge. Oftmals gibt es einen Grund für die Komplexität von Objekten oder Systemen, die es anzuerkennen gilt.
“Beschränke alles auf das Wesentliche, aber entferne nicht die Poesie. Halte die Dinge sauber und unbelastet, aber lasse sie nicht steril werden.” [2]
Anmerkungen
1. John Maeda: The Laws of Simplicity, Massachusetts Institute of Technology 2006, S.89. Hervorhebungen von John Maeda. Siehe auch die Website zum Buch: http://lawsofsimplicity.com/↑
2. Leonard Koren: Wabi-sabi für Künstler, Architekten und Designer: Japans Philosophie der Bescheidenheit. Tübingen 2004 (Nachdruck). ↑