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Archiv ‘Nachhaltigkeit’ Kategorie

Im Interview mit der ZEIT vom 26.3. d.J. erklärt Schellnhuber, Klimaforscher und Berater von Angela Merkel, dass und warum es höchste Zeit ist, mit Fuller gesprochen, die Bedienungsanleitung für das Raumschiff Erde zu finden:

Schellnhuber: Uns Klimawissenschaftlern ist natürlich schon lange bewusst, dass die Fluchttür beim Klimawandel nur noch eine Handbreit offen steht. Bald könnte sich diese Tür ganz schließen – etwa durch die eben angesprochene Freisetzung der Methangase aus terrestrischen und marinen Quellen. Und wenn wir tatsächlich in diesem Jahrhundert eine globale Erwärmung von fünf, sechs Grad zustande bringen, dann wird es auf diesem Planeten eine Hochzivilisation, wie wir sie heute kennen, nicht mehr geben.

ZEIT: Haben Sie Angst?

Schellnhuber: Ich habe einen kleinen Sohn, der gerade seinen ersten Geburtstag gefeiert hat. Das ist für einen Mann in meinem Alter ein großes privates Glück. Und es ist eine wunderbare Vorstellung, dass mein Kind von den medizinischen Voraussetzungen her vielleicht bis zum Jahr 2100 leben könnte. Politiker denken jedoch oft: Ich muss die Probleme der Gegenwart lösen, was kümmert mich das Jahr 2100? Aber dieses Jahr ist offenbar nur eine Generation entfernt. Und natürlich wünsche ich mir, dass mein Sohn die Chance bekommt, ein Leben in Würde zu führen, auch wenn er älter ist. In dieser Hinsicht mache ich mir zunehmend große Sorgen.

ZEIT: Bestimmt dieses Gefühl Ihren Alltag?

Schellnhuber: Nein. Ich pendle wie andere Menschen auch zwischen Alltagsgeschäft und dem großen Panorama, dessen Betrachtung ich nur gelegentlich zulasse. Alltag ist auch, dass mein Sohn zum Kinderarzt muss, zur Routineuntersuchung mit Impfen gegen Röteln und andere Krankheiten. Da ist es wichtig, dass alles gut abläuft und dass er nicht zu sehr weint. Aber dann gibt es zwischendurch diese Momente, in denen man sich fragt: Reicht das alles aus, was man unternimmt? Hat mein Sohn überhaupt eine Chance? Trotzdem gilt: Hellsehen macht nicht glücklich, Schwarzsehen erst recht nicht. 

Schwarzsehen tut er denn auch nicht. Im Gegenteil: alles, was wir brauchen, die Wende herbeizuführen, ist vorhanden, wir müssen die Chance nur nutzen: 

Ich bin fest davon überzeugt, dass die Wirtschaft auf konventionelle Art nicht zu retten ist. Das Nachkriegszeitalter endete politisch mit dem Fall der Berliner Mauer 1989, sozioökonomisch endet es mit dem gegenwärtigen Crash. Die Herausforderung besteht nun darin, die Weltwirtschaft völlig neu zu programmieren. Folgende technologische Aspekte werden dabei eine entscheidende Rolle spielen: drastisch erhöhte Energieeffizienz, Elektromobilität, Ultrahochgeschwindigkeitssysteme für die Schienenfracht, intelligente Netze zur Integration verteilter erneuerbarer Energiequellen, Solarstrom aus der Sahara, Energietürme mit kombinierter Wasserentsalzung, Kohlenstoffspeicherung und, und, und… Es ist möglich und sogar lukrativ, die westliche Welt bis 2050 weitgehend kohlenstofffrei zu machen.

 

Das Interview: http://www.zeit.de/2009/14/DOS-Schellnhuber

Ästhetik und Nachhaltigkeit

Wir haben alle geglaubt, dass Freiheit dem menschlichen Leben seine Würde und Bedeutung geben könnte. Wir haben nicht für möglich gehalten, dass uns die Freiheit, wie wir sie heute leben, in diese kurzsichtige globale Konsumgesellschaft führt, in der jeder nur auf seinen persönlichen Kontostand schielt. Die Schlussfolgerung kann nur sein, dass die absolute Freiheit, wie sie Amerika propagiert hat, der menschlichen Entwicklung schadet. Absolute Freiheit ist nicht nachhaltig. Nachhaltigkeit hingegen ist eine sehr praktische Idee, weil ohne sie nichts mehr Fortbestand haben wird. Sie ist für einen Künstler wie mich schwer zu begreifen, weil sie jeder Ästhetik entbehrt.”

So Ai Weiwei in der ZEIT vom 26.3. in Ein Monster in Trümmern. Ich möchte ihm widersprechen. Nachhaltigkeit ist in der Tat eine praktische Idee, weil sie uns - im Fullerschen Sinne - lehrt, ein Raumschiff erst dann zu besteigen, wenn wir die Bedienungsanleitung gelesen und verstanden haben. Aber dass sie jeder Ästhetik entbehrt? 

Ich möchte sogar behaupten: das meiste von dem, was wir heute als ästhetisch gelungen und damit zu “Klassikern” einer künstlerischen oder gestalterischen Ästhetik zählen überzeugt gerade deshalb, weil es nachhaltig ist. Und unzeitgeistig. Ob Leonardos Proportionsstudie des vitruvianischen Menschen oder der Todai-ji, jener über Tausend Jahre alte buddhistische und rein aus Holz gebaute Tempel in der japanischen Kaiserstadt Nara, On Kawaras Date-Paintings oder die Verse Homers: die Ästhetik der Werke überzeugt doch gerade in ihrer Reduktion auf das Wesentliche, auf eine der Natur und dem Menschen entsprechenden Gestaltung, die nachhaltig, also auf Dauer angelegt ist und dem Zeitgeistigen entsagt.

Das Problem ist nicht, dass die Nachhaltigkeit, wie Ai Weiwei fortfährt “heute der Maßstab aller Dinge” ist, sondern, dass sie das eben nicht ist, vielmehr der Effekt, der schnelle Schnitt, der Kick, die Börsenrallye, der Teaser, der jene kurzfristige Aufmerksamkeit des Publikums verspricht, auf die so viele Unternehmen hoffen und für die sie alle marktschreierischen Mittel aufbieten, statt sich in ihrer Kommunikation auf das Wesentliche zu konzentrieren, auf einen echten Mehrwert, auf Nachhaltigkeit.

Dabei gibt es auch im Design Gegenbeispiele: Google ist nicht zuletzt deshalb so erfolgreich, weil es NICHT versucht die Nutzer möglichst lange auf der Seite zu halten und ihnen scheinbare “Mehrwerte” in Form von zusammengeklaubtem Content anbietet, sondern weil es seiner eigentlichen Bestimmung nachkommt: den Nutzer möglichst schnell wieder wegzuschicken und ihn durch nichts davon abzulenken. Und ist das unästhetisch? Mit vier Farben, einem Logo, ein wenig Systemschrift und einigen Systemelementen hat Google eines der nachhaltigsten Designs des Internetzeitalters geschaffen.