Raum für Gestaltung.
4 Aug
80 Jahre nach seiner Gründung ist das Bauhaus in aller Munde und aller Augen. Was kann der Grundgedanke des Bauhaus heute für Interaktive Gestalter bedeuten? Einige spontane Gedanken.
Wir arbeiten heute als Gestalter nicht im luftleeren Raum. Ob wir wollen oder nicht, ob wir uns dessen bewußt sind oder nicht – wir greifen Vorbilder auf und entwickeln sie weiter. Ich versuche mit meinem Team bei der Peter Schmidt Group an eine Tradition des deutschen Funktionalismus anzuknüpfen, eine Geschichte, die mit Bauhaus vor mehr als 80 Jahren begann und in den 50er, 60er Jahren in Ulm weitergführt wurde. Dabei dürfen wir nicht historisierend sein. Es geht um das Design-Denken dahinter: was soll Gestaltung leisten? Was sind die Systeme dahinter? Corporate Design ist systemisch. Wir versuchen, das meist statisch gedachte System eines Corporate Designs um Interaktion und Bewegung zu erweitern. Mit dem Ziel einer ganzheitlichen “Experience”. Im Kern ist das der Gedanke von Bauhaus und Ulm.
Und ich frage mich oft: wie müsste eine neue Schule für Gestaltung heute aussehen, die in der Tradition des Funktionalismus steht, diesen aber weit nach vorne treibt und heute so visionär ist, wie es einige Arbeiten des Bauhaus (sicher nicht alle) damals waren? Viele Hochschulen stehen in guten Traditionen, denken diese aber zu wenig weiter. Innovation ist ein abgenutzter Begriff, aber das ist es worum es geht. Und Innovation verlangt Mut und Selbstbewusstsein des Designers. Corporate Designer sollten längst stärker an Bewegtbild und Interaktion als Markensignaturen denken.
Wie sähe also eine neue Schule aus? Das Grundprinzip von Formlehre und Werklehre funktioniert an den guten Hochschulen heute noch. Nur wenige Gestalter beherrschen beides und verfügen dann noch über die didaktischen Fähigkeiten, beides gleichermaßen zu vermitteln. Die Konzeption, das strategische Denken von Design, die Fähigkeit, im Kontext, aus dem Kontext heraus, auf ein Ziel hin zu gestalten ist ein wesentlicher Teil einer funktionsorientierten Gestaltung. Viele junge Interaction Designer arbeiten so. Karsten Schmidt [1] sagte kürzlich auf der OFFF, Code sei für ihn nur Mittel zum Zweck, ein Werkzeug. Das was er programmiert, hat er längst vorher vor dem geistigen Auge gesehen. Frieder Nake, der Pionier der Computergrafik formuliert es so:
Die algorithmische Revolution fand in den Hirnen statt, die an ganze Ströme von automatischen Zeichnungen dachten, die gelegentlich eine gewissen Verwandtschaft miteinander aufwiesen, dann aber völlig verschieden aussahen, obwohl sie aus einem einzigen Programm kamen. [...] Das Zeichnen und Malen mit dem Gehirn, das algorithmische Zeichnen und Malen, ist mehr als nur Serie. Auch sie, aber eben mehr. Das nämlich, was eben eine unendliche Klasse von Bildern gemeinsam haben mag, wird zum Dreh- und Angelpunkt des Gestaltens des algorithmisch arbeitenden Künstlers. [2]
Im Panel neben Karsten Schmidt, gedanklich ihm aber gegenüber, saß Joshua Davies. Er zeigte eine kleine interaktive Typoarbeit. Wochenlang habe er ausprobiert. Try and Error, Spiel als Prozess und Form. Auch das ist eine Tradition: die Tradition des Ausprobieren, des Befreiens, des Grenzüberschreitens, die Tradition von David Carson und Neville Brody, design-historisch gesehen die Antwort auf die “Gute Form”. Natürlich darf man keine der beiden Herangehensweisen in der Lehre aussparen. So dogmatisch war im übrigen auch das Bauhaus nicht. Itten war nicht Gropius. Klee nicht Kandinsky. Der Student wird sich früher oder später ohnehin in die ein oder andere Richtung entwickeln. Man sollte sich aber gelegentlich des Ziels von Bauhaus und Ulm wieder bewusst werden: die Grenzen der einzelnen Gestaltungsfelder aufzuheben, ein ganzheitliches, kulturell tiefgreifendes (weil neues) und politisch verantwortungsvolles Design-Handeln zu entfalten.
Anmerkungen
[1] Karsten Schmidt: http://postspectacular.com/. (Der erste Satz im Manifest von Postspectacular ist übrigens: Learn by Doing. So viel zur Abgrenzbarkeit der unterschiedlichen Ansätzen in der Praxis.)
[2] Frieder Nake: “Die Algorithmische Revolution. Anmerkung zur Herkunft der digitalen Medien.” In: Vier. Magazin der Hochschule für Künste Bremen. Ausgabe Nr. 07.
3 Aug
Ästhetische Kategorien sind systemisch, also immer nur auf ein spezifisches Zeichensystem hin anwendbar.