ctrlspace

Raum für Gestaltung.

Archiv Januar, 2009

Raum: Reise, Rhizom

Teil 1. Intro. 

„Der Weltraum: unendliche Weiten. Wir befinden uns in einer fernen Zukunft. Dies sind die Abenteuer des Raumschiffs Enterprise, das viele Lichtjahre von der Erde entfernt unterwegs ist, um fremde Welten zu entdecken, unbekannte Lebensformen und neue Zivilisationen. Die Enterprise dringt dabei in Galaxien vor, die nie ein Mensch zuvor gesehen hat.“ [1]

So wie das Föderationsraumschiff Enterprise sich alltäglich auf die Suche nach neuen unbekannten Welten begibt, möchte auch ich den Raum zum Gegenstand des vorliegenden Unternehmens machen. Was ist der Raum? Philosophisch können wir den Raum als das begreifen, „was allen Erlebnissen gemeinsam ist, die unter Mitwirkung der Sinnesorgane zustande kommen.“[2] Raum ist die von uns erfahrene Außenwelt und Innenwelt. Lebensraum und Erlebnisraum. Raum ist das, worin wir uns bewegen. Denn Stillstand ist der Tod: das Ende von Raum und Zeit.

Die Bewegung im Raum läßt sich als Vektor darstellen. Ein Pfeil zwischen Raumpunkten in einem n-dimensionalen Raum. Wobei die Bewegungsfreiheit sich proportional zum Wert n verhält, der die Form der Bewegung determiniert. Für n=1 ergibt sich somit die Bewegungsform der Reise. Denn wenn wir reisen, befinden wir uns immer irgendwo zwischen einem Punkt A (von wo wir kommen) und einem Punkt B (zu dem wir uns hin bewegen). So gesehen ist diese Arbeit eine Reise. Ein anderes Raumschiff der Föderation trägt den Namen Voyager: Reisende(r).

Doch wir kennen die Paradoxie des Raumes: je größere Entfernungen wir zurücklegen, desto mehr sehen wir vor uns liegen. Reisen bedeutet einen Ort vor Augen zu haben, ohne jemals dort anzukommen. Sisyphos war ein Reisender.[3] Oder die Romanfiguren Jack Kerouacs, „für die die West- oder die Ostküste der Vereinigten Staaten kein Ziel mehr darstellen, [...] Drop-Outs, für die Geschwindigkeit allein zum wirklichen Lebensmillieu geworden ist“.[4]

Die Vernunft ist die Denkform der Reise. Die Welt aber ist nicht vernünftig. In der Natur gilt: n geht gegen unendlich. Der mehrdimensionale Raum ermöglicht eine andere Form der Bewegung, das Rhizom. Das Rhizom, der Wurzelstock oder Erdsproß, entspricht dem Prinzip des Grases: „L’Herbe, elle, elle pousse par le milieu.“[5] Das Rhizom folgt dem

„Prinzip der Konnexion und der Heterogenität. Jeder beliebige Punkt eines Rhizoms kann und muß mit jedem anderen verbunden werden. [...] In einem Rhizom [...] verweist nicht jeder Strang notwendig auf einen linguistischen Strang: semiotische Kettenglieder aller Art sind dort nach den verschiedensten Codierungsarten mit politischen, ökonomischen und biologischen Kettengliedern verknüpft; [...] Die kollektiven Aussageverkettungen funktionieren tatsächlich unmittelbar in den maschinellen Verkettungen.“[6]

Mit der Bewegungsform des Rhizoms wird die Reise aufgegeben und die Zeit dem Raum zurückgegeben:

„Wir sind [...] in einem Moment, wo sich die Welt weniger als ein großes sich durch die Zeit entwickelndes Leben erfährt, sondern eher als ein Netz, das seine Punkte verknüpft und sein Gewirr durchkreuzt… Die Zeit erscheint wohl nur als eine der möglichen Verteilungen zwischen den Elementen im Raum.“[7]

Der Raum selbst ist ständig in Bewegung, verändert sich, löst sich auf und entsteht aufs neue. Die Literatur ist ein solcher Raum. Sie ist sowohl Produkt, als auch Produzent eines Raumes. Als Schnittstelle zwischen Autor/Leser, Gesellschaft/Autor, Geschichte/Moment, Fremdem/Bekanntem schafft sie Zwischenräume, die von beiden Seiten ständig neu gefüllt werden. Ein Raum wie die Literatur wird von dem technischen Stand des von ihr verwendeten Zeichensystems bestimmt, im Fall der Literatur durch die Schrift. Die Schrift mit ihrem linearen Zeichencode brachte dem Menschen das historische Bewußtsein, die Ordnung der Dinge in linearen und damit eindimensionalen Abläufen. Mit Gutenbergs Erfindung des Buchdrucks in der Mitte des 15. Jahrhunderts wurde die Schrift massenweise reproduzierbar. Infolge des Programmes der neuen Maschine entstand das Buch, das bis ins 20. Jahrhundert eine unbestrittene Vormachtstellung unter den vom Menschen geschaffenen Datenträgern hatte. Funktional entspricht das Buch der Reise: das Buch ist transportabel, es ist ohne materielle technologische Hilfsmittel decodierbar. In ihm und mit ihm wird der Leser zum Reisenden. Der Reisende ist ein einzelner, ein Subjekt. Der Reisende ist der moderne Mensch. Navigo ergo sum.

Der nachmoderne Mensch hingegen ist ein Knoten im Netzwerk. Erstmals kehrt das Subjekt seine Spaltung nach außen. Schizophrenie ist Alltag. Ob nun als Spezialist in der Arbeitswelt, als Pendler zwischen den Städten, oder beim Zappen vor dem Fernsehapparat: der nachmoderne Mensch handelt als Teil eines Netzwerks. Dieses Netzwerk ist die global sich ausbreitende spätkapitalistische Kultur. Ihr Agent ist der westliche Imperialismus mit den Waffen der Wirtschaft und des Militärs. Diese Kultur wird bedingt durch ihre technischen Möglichkeiten: des elektronischen Netzwerks, das einen permanenten weltweiten Informationsfluß gewährleistet. Die Bewegungsform der Wahrnehmung dieses Mediums ist das Rhizom.

In einer vernetzten Welt, wo ich mich überall in einen Netzknoten einschalten kann, hat die Mobilität des Mediums Buch ihre Bedeutung verloren. Ein solches Netzwerk sehen wir heute im Netzwerk der Städte, die weltweit verbunden sind durch Fluglinien und Inter-City-Express-Züge. Andererseits ist jede Metropole für sich gesehen bereits ein Netzwerk. Die Stadt ist der Ort des Rhizoms. Das Land ist der Ort des Reisens. Diese Struktur kehrt wieder in den Maschinen der Fortbewegung. Während der PKW als individuelles und unabhängiges Fortbewegungsmittel auf dem Land eine große Bedeutung besitzt, bewegt sich der Stadtbewohner in einem Netzwerk von Bahn- und Busstationen. Großstadtliteratur ist Kartographie.[8] Der Schriftsteller versteht sich als „mapmaker“.[9]

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit alternativer Literatur unserer Zeit. Alternative Kultur entsteht in der Abgrenzung gegen die herrschenden Diskurse auf der Suche nach dem Anderen. Das Andere erwächst aus der Ablehnung des Herrschenden unter Verwendung neuester (oder vergessener, bzw. unterdrückter) Techniken. Technik schafft Räume. Der Pflug wurde erfunden den Menschen den Acker zu bereiten. Fremde Welten zu entdecken. Am Ende der Reise, der nomadischen Lebensweise der Menschen steht die Kultur. Unter diesen Voraussetzungen sei das folgende zu lesen. Die einzelnen Kapitel sind als Plateaus im Sinne von Deleuze/Guattari zu verstehen:

„Wir bezeichnen jede Mannigfaltigkeit als ‚Plateau‘, die mit anderen Mannigfaltigkeiten durch äußerst feine unterirdische Stränge verbunden werden kann, so daß ein Rhizom entstehen und sich ausbreiten kann. [...]Wir haben  halluzinatorische Experimente gemacht, wir haben beobachtet, wie Linien ein Plateau verlassen haben, um wie kleine Ameisenkolonnen zu einem anderen weiterzuziehen. Wir haben Konvergenzkreise gezogen. Jedes Plateau kann von jeder beliebigen Stelle aus gelesen und mit jedem anderen in Beziehung gesetzt werden.“[10]

In/Out.


           

Anmerkungen

1.  Vorspann der Science-Fiction-Serie Star Trek. Täglich um 15 Uhr auf Sat1.
2.  Georgi Schischkoff (Hrsg): Philosophisches Wörterbuch. Stuttgart 1991. 
3.  Vgl. Albert Camus: Der Mythos von Sisyphos, Hamburg 1995, S. 68. 
4.  Paul Virilio: „Fahrzeug“. In : Aisthesis, Leipzig 1998, S. 57f. 
5.  „Das Gras, es sprießt aus der Mitte hervor.“ Gilles Deleuze‘ Erklärung findet sich auf der CD In memoriam Gilles Deleuze, Frankfurt am Main 1996. 
6.  Gilles Deleuze und Félix Guattari: Rhizom, Berlin 1977, S. 11f. Hervorhebung im Original. 
7.  Michel Foucault: „Andere Räume.“ In: Aisthesis, S. 34. 
8.  Zum Prinzip der Kartographie: Vgl. Deleuze/Guattari: Tausend Plateaus, S. 23ff. 
9.  Burroughs schreibt: „I am acting as a mapmaker, an explorer of psychic areas…as a cosmonaut of innerspace.“ Zit. nach: Hans Christian Kirsch: Dies Land ist unser. Die Beat-Poeten William S. Burroughs, Allen Ginsberg, Jack Kerouac, München 1993, S. 303. 
10.  Deleuze/Guattari: Tausend Plateaus, 37. 

Entwurf3

Um das Entwerfen geht es in diesem Weblog ganz allgemein, um digitales Entwerfen im besonderen, in seinen Facetten und Bedeutungsebenen. Drei grundsätzliche Bedeutungen sollen im Folgenden betrachtet werden.

Zunächst einmal ist Entwurf die deutsche Übersetzung des englischen projects. Tomas Maldonado verweist darauf in seinem Aufsatz “Das Zeitalter des Entwurfs und Daniel Defoe”, worin er Robins Crusoe als den archetypischen Entwerfer präsentiert und zwar einen, der “ohne Gesellschaft” zu leben hat:

» Deswegen fragt Robinson [...] immer und nur, was denn very useful to me, was also nützlich für ihn selbst ist. [...] Er entwirft nicht für andere, sondern nur für sich selbst. [...] Robinson ist vor allem ein “Problemlöser”. Was für ihn kein Problem darstellt, existiert praktisch nicht. In den gleichen Bezugsrahmen gehört eine andere Verhaltensmaxime: Wichtig ist nur, was gerade nützlich ist. Seine Besessenheit kreist letztendlich immer um das Nützliche. « (Tomas Maldonado: Digitale Gestaltung, S. 23f.)

Robinson ist Projektarbeiter und Gestalter, der ausschließlich an “usefulness” interessiert ist, also daran, eine Funktion für sich selbst bereitzustellen. In der digitalen Welt finden wir viele Projekte, die diesen Charakter haben: Software, die entwickelt wurde, um ein bestimmtes Problem für eine bestimmte Nutzergruppe zu lösen, ohne dass Ästhetik und Bedienbarkeit eine Rolle beim Entwurf gespielt hätten.

Dementgegen steht ein artistischer Entwurfsbegriff: das Erlebnis tritt hier an Stelle des Nutzens, die Freude, das Vergnügen, der spielerische Umgang. Eine Art Anti-Entwurf als Kritik am Utilitarismus, sei es aus Technologieverliebtheit oder einem Ästhetizismus, der keinen Rückbezug auf eine praktische Anwendbarkeit zulässt.

Wann immer eine neue Technologie oder ein neues Medium auftritt, bestehen beide Entwurfsformen unvereint nebeneinander. Bis sie sich schließlich einander aufheben in einer neuen Stufe von Design (der zweiten Übersetzung von Entwurf). In diesem dritten Begriff geht es schließlich darum, Nutzen und Erlebnis zu verbinden. Ziele vorzugeben und diese “mit Vergnügen” zu erreichen (”Joy of use”). Komplexe Funktionen bereitzustellen - und sie einfach und “Freude bereitend” anzubieten. 

Was das World Wide Web angeht, ist das Selbstverständnis der Entwerfer dort angekommen. User Experience Design hat sich in den vergangenen Jahren mit zeitlicher Verzögerung zu den USA auch in Europa als Leitdisziplin durchgesetzt. Kein Software-Unternehmen, keine Websitebetreiber, keine Online-Agentur, die nicht die Gestaltung der “Nutzererfahrung” als wirtschaftlichen Faktor anerkannt haben. User Experience Evangelists, Experience Planner, User Experience Designer sind bemüht um die Einhaltung einer Zielmatrix aus Unternehmenszielen, Marken- und Kommunikationszielen und Nutzererwartung.  

Die beiden erstgenannten Formen des Entwurfs gehen dabei eine dialektische Beziehung ein:

In diesem Blog geht es mir darum, die Bedingungen und Folgen des Entwerfens für digitale und interaktive Medien zu erörtern, Beispiele zu zeigen, Gedanken festzuhalten und Diskussionanstöße zu geben.